"Mykorrhiza - eine unterirdische Liaison" von kraut & rüben


kraut und rüben Artikel über Mykorrhiza in Zusammenarbeit mit gaia garten

Ein Artikel von kraut & rüben biologisch gärtnern . natürlich leben

 

Wer seinen Beeten Mykorrhiza-Zusätze verabreicht, möchte der Natur auf die Sprünge helfen. Aber was steckt eigentlich hinter diesen fruchtbaren Pilz-Pflanzen-Bündnissen? Und kann man sie erzwingen?

 

Biogärtner wissen: Ein lebendiger Boden versorgt Blumen, Gemüse und Obst mit genau den Stoffen, die das Wachstum ankurbeln und die Abwehrkräfte gegenüber Krankheiten und Schädlingen stärken. In so einem gesunden Erdreich tummeln sich Bakterien, Würmer, Viren, Pilze und vieles mehr. Vor allem besondere Pilze, die ein enges Bündnis mit den Wurzeln vieler Pflanzen eingehen, machen seit einigen Jahren von sich Reden.

Das fast unaussprechliche Wort Mykorrhiza steht im Gartencenter auf Düngern, Erden und Spezial-Granulaten. Schon wenige Löffel, Schaufeln oder Säcke dieser Präparate sollen fruchtbare Pilz-Pflanzen-Beziehungen garantieren. Aber was genau ist diese Mykorrhiza eigentlich und welchen Erfolg versprechen all die Produkte, die mit der Aussicht auf gesunde, kräftige Gartenpflanzen locken?

 

Wie Mykorrhiza funktioniert

Mykorrhiza (gr. mykes = Pilz; rhiza = Wurzel), also die Pilzwurzel, ist eine unterirdische Liaison zwischen Pilz und Pflanze, die beiden das Leben entweder erst ermöglicht oder es zumindest erleichtert. Der Pilz, selbst unfähig im dunklen Erdreich Fotosynthese zu betreiben, also mithilfe von Lichtenergie Zucker (Kohlenhydrate) herzustellen, zapft für diese Stoffe seinen grünen Partner an. Im Gegenzug nimmt die Pflanze ihren Verbündeten in Anspruch, um leichter an Wasser und Nährstoffe aus dem Boden zu gelangen.

Denn selbst mit dem feingliedrigsten Wurzelgeflecht gelänge es ihr nicht, einen so weitläufigen Bodenraum zu ertasten, wie es der Pilz mit seinen hauchdünnen Zellfäden, den Hyphen, schafft: An vielen Stellen eng mit der pflanzlichen Wurzel verknüpft, spinnt er ein bizarres Netz aus feinem Garn bis in die kleinsten Bodenporen. Stößt er dabei auf Nährstoffe oder Wasser, leitet er alles, was er nicht selbst zum Leben braucht, bereitwillig an seinen pflanzlichen Zuckerspender weiter.

Über 80 Prozent aller Pflanzenarten weltweit lassen sich gerne auf eine Symbiose mit Pilzen ein. Waldbäume etwa verbünden sich in Form einer Ekto-Mykorrhiza. Hierbei dringen die Pilzfäden (Hyphen) zwar in die Wurzel ein, schlängeln sich aber dort zwischen den Zellen hindurch.

Im sauren Waldboden, wo nur wenige Bakterien und andere Mikroorganismen überleben, beschleunigen die Pilze den Abbau von organischem Material und setzen Nährstoffe frei. Allen voran Stickstoff, den Pflanzen so dringend zum Wachsen brauchen. Die meisten Ekto-Mykorrhiza-Pilze bilden oberirdische Fruchtkörper. Daruner finden sich beliebte Speisepilze wie der Steinpilz. Deren Abhängigkeit von einem Baum ist unter andrem auch der Grund, warum man sie nicht so einfach im Garten oder auf einem Feld anbauen kann.

 

kraut und rüben Artikel über Mykorrhiza in Zusammenarbeit mit gaia garten

Ekto-Mykorrhiza (links) findet man vor allem an Laub- und Nadelbäumen. Ihre Spezialität ist es, (im Wald) die Verrottung von organischem Material voranzutreiben. Die Fäden dieser Pilze bahnen sich ihren Weg in der Wurzel zwischen den Zellen. Endo-Mykorrhiza heißt das innige Verhältnis zwischen Pilzen und vielen krautigen Pflanzen, aber auch Gehölzen. Hierbei dringt der Pilz mit seinen Hyphen sogar in die Wurzelzellen ein. 

 

Tauschhandel unter Tage

An Blumen, Gemüse und Obstgehölzen kommt eine zweite Form vor: die Endo-Mykorrhiza. Pilze, die zu diesem Bündnis fähig sind, leben ausschließlich unter der Erde und bohren sich in Wurzelzellen hinein. Allerdings, ohne dabei Schaden anzurichten. In den Zellen verzweigen sich die Hyphen zu baumartigen Gebilden mit großer Oberfläche. Das erleichtert den Stoffaustausch

In erster Linie profitieren die Pflanzen vom zusätzlichen Phosphor, den der Pilz-Partner ihnen serviert. Der ist zwar in fast allen Böden zur Genüge vorhanden, aber oft in schwer löslichen Mineralien gebunden und für Pflanzenwurzeln nicht zu erreichen. Die Pilzhyphen erkunden eine so große Bodenregion, dass sie oft doch noch ein brauchbares Molekül aufspüren. Obendrein vermuten Wissenschaftler, dass in der Nähe mykorrhizierter Wurzeln spezielle Bakterien am Werk sind, die in Mineralien eingebetteten Phosphor freilegen können.

 

https://www.krautundrueben.de/mykorrhiza

 Unter dem Mikroskop kann man das feine Geflecht der Pilzfäden gut erkennen. Ein Trick der Natur, der beiden Partnern nützt und seit vielen Millionen Jahren funktioniert. 

 

Eine glückliche Beziehung

Jahrzehntelange Untersuchungen haben gezeigt, dass Pflanzen, die ein Symbiose mit Pilzen eingehen, oft besser wachsen, länger blühen, mehr Früchte tragen und Stresssituationen wie Trockenheit, hohe Salzgehalte oder Schwermetallbelastung besser wegestecken. Darüber hinaus sind sie widerstandsfähiger gegenüber vielen Krankheiten und Schädlingen.

Zwar gibt es auch Pflanzen, die sich niemals auf eine Beziehung zu einem Pilz einlassen würden – etwa Kohlgewächse, Spinat, Lupinen oder Rhabarber – aber alles in allem klingt die Wirkung dieser natürlichen Verbindung doch sehr vielversprechend. Es ist also kein Wunder, dass Gärtner versuchen, der Liebe zwischen Pflanzen und Pilz etwas nachzuhelfen und kuppeln, was das Zeug hält. Was ist naheliegender, als die beiden eigenhändig zusammenzuführen? Nichts leichter als das. Schließlich führt der Fachhandel mittlerweile zahlreiche Produkte mit Mykorrhiza-Zusätzen, die lediglich in die Erde gemischt werden.

Der Gedanke, biologische Prozesse mit natürlichen Mitteln zu fördern, gefällt uns bei kraut&rüben. Deshalb haben wir nachgefragt, was dran ist an diesen Bodenhilfsstoffen, die der Mykorrhiza auf die Sprünge helfen.

 

Nachgefragt bei Profis

Wir haben mit zwei Fachleuten der Bayrischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau gesprochen und mit zwei Herstellern von Mykorrhiza-Produkten. Hier ihre aufschlussreichsten Antworten.

 

Was bringen Mykorrhiza-Produkte?

Eine eindeutige Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Fest steht, dass Mykorrhiza-Pilze jeden Boden guttun und ganz bestimmt keinen Schaden anrichten. Wie stark der Effekt ist, hängt nicht zuletzt vom Gartenboden ab.

Josef V. Herrmann und Birgit Rascher von der Bayrischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) haben uns verraten, was nach ihrem Wissensstand von Mykorrhiza-Produkten zu erwarten ist.

 

Steigern Zusätze mit Mykorrhiza das Wachstum meiner Gartenpflanzen?

Birgit Rascher: Meine Erfahrung hat gezeigt, dass in einem biologisch gedüngten und mit Kompost versorgten Gartenboden von Natur aus genügend Pilze vorhanden sind. Zusätzliche Gaben von Hyphen oder Sporen bewirken da keine Wunder. Es kommt viel mehr darauf an, ob Pilze und Pflanzen überhaupt eine Symbiose eingehen. Und das tun sie vor allem in einem lebendigen Boden mit ausgeglichener Temperatur und Feuchtigkeit. Wer seinen Boden mulcht und mit Kompost versorgt, tut alles was er tun kann, um Mykorrhiza zu fördern.

Josef V. Hartmann: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein Garten, in dem Vielfalt herrscht, das Gemüse in Mischkultur wächst und gemulcht wird, keine weiteren Zusätze braucht. In solchen Böden brummt es nämlich vor Mykorrhiza. Das sehen wir immer wieder bei uns im Labor.

 

Mykorrhiza-Zusätze in Erden oder Düngern sind ein reines Verkaufsargument?

Josef V. Hartmann: Nein, so ist es auch nicht. Grundsätzlich ist es ja sehr erfreulich, wenn dem Boden lebendige Organismen zugeführt werden, um die biologischen Prozesse in Schwung zu bringen. Und auf ausgelaugten Böden, die gärtnerisch genutzt werden sollen – etwa in Neubausiedlungen – kann so eine Mykorrhiza-Kur durchaus den Start erleichtern. Man muss sich nur immer darüber im Klaren sein, dass Mykorrhiza eine Option ist, kein Versprechen. Aber, und auch das ist wichtig: Selbst, wenn es mal nichts nützt, schaden tut es sicher nicht.

 

Trotzdem sind Sie skeptisch?

Josef V. Hartmann: Vor allem deshalb, weil auf vielen Produkten nicht draufsteht, welche und wie viel infektiöse Pilzeinheiten drin sind. Wenn doch, haben unsere Test ergeben, dass es oft nicht stimmt. Viele Hersteller kaufen ihre Sporen von internationalen Großhändlern und prüfen offenbar nicht, was sie untermischen. Aber selbst, wenn die Sporen keimen, muss man bedenken, dass 3-5 Wochen vergehen, bis der Kontakt zur Pflanze hergestellt ist. Manche Gemüsearten werden schon fast geerntet, bevor eine Wirkung eintreten kann. Erst recht, wenn zwischendurch regelmäßig gehackt wird, was die Hyphen immer wieder kappt.

 

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So sieht Mykorrhiza aus, wenn man eine Wurzel in hauchdünne Scheiben schneidet. Das Braune ist der Pilz, der zwischen und in den Zellen wächst. 

 

Jörg Zemke und Wieland Reichelt befassen sich täglich mit den verworrenen Beziehungen zwischen Pflanzen und Pilzen. Die Hersteller von Mykorrhiza-Produkten standen uns Rede und Antwort.

 

Mit welchen Erfolgen kann ich rechnen, wenn ich Mykorrhiza-Produkte in meine Beete einarbeite?

Jörg Zemke (biomyc.de): Wir beobachten vor allem höhere Erträge und eine verbesserte Stresstoleranz gegenüber Trockenheit und Krankheiten der Pflanzen, die mit Mykorrhiza-Konzentrat versorgt wurden. Für eine gute Qualität lassen wir laufend Proben unserer Pilzproduktion auf Keimfähigkeit testen. Deshalb arbeiten auch namhafte Forschungsinstitute mit unseren Produkten. Eine Garantie gibt es natürlich trotzdem nicht. Ob Pilz und Pflanze zueinander finden, hängt von den natürlichen Gegebenheiten ab: etwa Temperatut, Bodenart, Feuchtigkeit, Nährstoffgehalt oder die Anwesenheit anderer Mikroorganismen.

Wieland Reichelt (gaia-garten.com): Laut Fachliteratur kann man sich auf rund 20 % mehr Ertrag freuen. Gerade bei schwierigen Bedingungen, etwa bei Trockenheit oder auf mageren Böden kann der Effekt noch größer sein. Besonders gute Rückmeldungen bekommen wir von Hochbeet-Gärtnern. Wir lassen unser Mykorrhiza Ur-Erde sowohl im Labor als auch in der Praxis testen – von Hobbygärtnern und Profis. So können wir unsere Rezeptur immer wieder anpassen.

 

Welche Pilzart verwenden Sie?

Jörg Zemke: In unserem Vital-Granulat mit Endo-Mykorrhiza befinden sich vor allem Hyphen und Sporen der Art Glomus intraradices. Dieser Pilz ist ein Generalist, der kommt weltweit vor und verbündet sich mit den meisten Gartenpflanzen.

Wieland Reichelt: Unsere Ur-Erde versetzen wir mit verschiedenen Endo-Mykorrhiza-Pilzen, die Symbiosen mit vielen Gemüsearten, Blumen und Gräsern eingehen.

 

Welche Voraussetzungen muss ich schaffen, damit Ihre Pilze ein Bündnis mit meinen Gartenpflanzen eingehen?

Jörg Zemke: Entscheidend ist, dass das Granulat nahe an den Wurzeln ausgebracht wird. Bei Neupflanzungen gibt man es am besten ins Pflanzenloch. Topfpflanzen mischt man es in die Blumenerde und in bestehenden Pflanzungen verabreicht man es über mehrere Bohrlöcher.

Wieland Reichelt: Wir empfehlen, nur sparsam und biologisch zu düngen. Dann hat die Pflanze einen großen Anreiz, sich auf eine Partnerschaft mit dem Pilz einzulassen.

 

Eva Puchtinger

kraut und rüben 12/2017